Hinter der Geschichte #10 | Indizien, Irrtümer und Zweifel – Wie Gerichte entscheiden
Shownotes
🎙️ Was bleibt – Hinter der Geschichte Jeden Mittwoch erscheint eine Hintergrundfolge zu einem historischen Thema, das die Sonntagsfolge ergänzt. Dabei geht es nicht um den Kriminalfall selbst, sondern um die gesellschaftlichen, wissenschaftlichen und historischen Zusammenhänge, die helfen, ihn besser zu verstehen. In dieser Folge: Warum Justizirrtümer entstehen können Der Unterschied zwischen direkten Beweisen und Indizien Wie Zeugenaussagen unser Gedächtnis täuschen können Warum Geständnisse nicht immer die Wahrheit bedeuten Welche Rolle Sachverständige spielen Wie Medien öffentliche Wahrnehmung beeinflussen Warum manche Urteile Jahrzehnte später erneut überprüft werden Passend zur Sonntagsfolge: Vera Brühne – War sie wirklich schuldig? 📷 Mehr historische Bilder und Hintergrundmaterial: Instagram: @was_bleibt_podcast ⭐ Wenn euch der Podcast gefällt, freue ich mich über eine Bewertung auf Spotify oder Apple Podcasts. Damit helft ihr, dass noch mehr Menschen historische Geschichten und ihre Hintergründe entdecken. Quellen Bundeszentrale für politische Bildung (bpb): Rechtsstaat, Strafverfahren und Justiz Deutscher Richterbund – Informationen zur Strafrechtspflege Max-Planck-Institut zur Erforschung von Kriminalität, Sicherheit und Recht Ingo Müller: Furchtbare Juristen Thomas Fischer: Über das Strafen Claus Roxin & Bernd Schünemann: Strafverfahrensrecht Beiträge des NDR, BR und Deutschlandfunk zu historischen Justizirrtümern Veröffentlichungen zur Gedächtnispsychologie und Aussagepsychologie (u. a. Elizabeth Loftus)
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00:00:02: Schön, dass ihr wieder dabei seid.
00:00:03: Hi!
00:00:04: Mein Name ist Susanne.
00:00:06: Nach jeder Sonntagsfolge bleiben oft Fragen offen – nicht unbedingt zum Fall selbst sondern zu der Zeit in der er passiert ist.
00:00:14: Genau darum geht es hier.
00:00:16: Bei Hinter der Geschichte gemeinsam schauen wir uns an, welche historischen gesellschaftlichen oder wissenschaftlichen Hintergründe hinter den Fällen stecken.
00:00:26: Und falls ihr Folge zehn gehört habt, dann wisst ihr ja dass es um Vera Brüne ging was ein reiner Indizienprozess war und ich mich gefragt habe okay wie laufen denn Indizin Prozesse ab?
00:00:38: Was ist da die Schwierigkeit dahinter?
00:00:41: also letztendlich könnt ihr diese Folge hören ohne die komplette Hauptfolge zu hören um trotzdem vielleicht das eine oder andere interessante zu entdecken.
00:00:49: Aber um eine Verbindung zum Fall zu bekommen, bietet sich natürlich Anfolge zehn zu hören.
00:00:54: Und dann würde ich sagen, fangen wir doch einmal an!
00:00:56: Ich habe mich natürlich gefragt ob ein Gericht die Wahrheit überhaupt vollständig erkennen kann?
00:01:02: So und der Grundgedanke dahinter ist tatsächlich dass ein Strafgericht sucht nicht nach einer absoluten Wahrheits sondern nach einer rechtlich belastbaren Rekonstruktion eines vergangenen Geschehens.
00:01:16: drücken das mal lieber so aus Richter waren ja bei der Tat nie dabei, also die können das nicht genau wissen.
00:01:21: Die müssen halt bewerten.
00:01:23: Sonst sie müssen aus den Verhandlungen beweisen eine möglichst vollständiges Geschehen oder Bild entwickeln.
00:01:30: Jede Gerichtsverhandlung beruht deshalb auf Informationen, die unvorständig oder fehlerhaft sein können.
00:01:37: Also das ist halt gar nicht so einfach.
00:01:39: Hat sich tatsächlich bereits im römischen Recht die Frage gestellt, okay wie bekomme ich denn die Wahrheit vor Gericht raus?
00:01:45: Wie kann ich sie dann feststellen?
00:01:48: Im Mittelhalter galt häufig das Geständnis als Königin der Beweise, so nannte man es damals.
00:01:54: um Geständnisse zu erzwingen wurde in vielen Regionen heute eingesetzt Und erst mit Aufklärung.
00:02:02: im achtzehnten Jahrhundert wurde Folter zunehmend abgeschafft und die Beweiswürdigung reformiert, also dass man sich halt wirklich so grundlegende Gedanken gemacht hat.
00:02:13: Wie komme ich denn tatsächlich zu einem richtigen Geständnis?
00:02:15: Oder wie kann ich meine Beweise dazu benutzen, um jemanden zu verurteilen.
00:02:21: Seit dieser Zeit gewandern die freierichterliche Beweiswürdigung an Bedeutung.
00:02:25: also nicht einzelne Beweismittel entscheiden automatisch über Schuld oder Unschuld sondern wirklich die Gesamtschau und das ist schon entscheidend.
00:02:35: Warum aber trotzdem die Wahrheit schwer festzustellen ist liegt dann an folgenden Sachen.
00:02:39: Also Straftaten liegen oft Wochen, Monate oder sogar Jahre zurück.
00:02:44: Erinnerungen verändern sich dann mit der Zeit und Zeugen nehmen dieselbe Situation unterschiedlich wahr.
00:02:50: das ist halt auch immer ein Problem bei jeder einen anderes Empfinden hat.
00:02:54: Menschen können sich natürlich auch irren ohne bewusst zu lügen.
00:02:58: die empfinden dann einfach etwas als Wahrheit obwohl es anders geschehen ist.
00:03:04: Geständnisse können falsch sein etwa durch Druckerschöpfung Und dann natürlich Sachverständigen.
00:03:12: Gutachten spiegeln jeweils den jeweiligen Stand der Wissenschaft wieder und können später durch neue Erkenntnisse korrigiert werden, weil sich alles weiterentwickelt wie wer wissen.
00:03:23: Technische Beweise wie zum Beispiel die DNA Spuren erhöhen die Genauigkeit beantworten aber ebenfalls nicht jede Frage eines Falles.
00:03:33: Dann kommt noch der juristische Maßstab hinzu.
00:03:37: Im deutschen Strafprozess gilt der Grundsatz in Zweifel für den Angeklagten, in Dubio pro Reo.
00:03:44: Das hat man bestimmt schon mal gehört.
00:03:47: und hier bedeutet das Ganze verurteilt werden soll nur wenn das Gericht nach der Hauptverhandlung von der Schuld überzeugt ist.
00:03:54: Man geht halt davon aus.
00:03:56: also verurtheilt werden sollen nur wenn es Gericht.
00:04:04: Wiederum bedeutet das, absolute Gewissheit verlangt das Recht nicht.
00:04:09: Und das ist dann halt schon wieder so eine schwierige Aussage.
00:04:12: also sie es bei vergangenen Ereignissen oft unerreichbar weil wenn etwas so lange zurück liegt kann man nicht mit absoluter Gewissheitssagen dass etwas tatsächlich so gewesen ist weiß ich dann natürlich Fehler einschleichen können.
00:04:23: und das ist die Problematik bei der Beweisführung.
00:04:26: Entscheidend ist eine Überzeugung, die vernünftige Zweifel ausschließt.
00:04:31: Das ist der Hintergrund warum dann ein Urteil gefällt wird.
00:04:34: Dann kommt man natürlich unweigerlich zu der Frage wie kann es trotzdem zu Justiz-Ürtümern kommen?
00:04:41: Das ist eigentlich gar nicht so kompliziert zu beantworten weil vielleicht auch neue Beweise auf erst Jahre später die man als der Fall verhandelt worden ist noch nicht hatte.
00:04:52: Na klar, dann bewertet man das Ganze nochmal neu.
00:04:55: Forensische Methoden entwickeln sich weiter oder aber auch frühere Gutachten können sich als fehlerhaft erweisen.
00:05:02: Zeugen, Wiederrufen aussagen oder erinnern sich anders hat man auch öfter mal gehört Und Ermittlungen können früh auf eine bestimmte Theorie sich festlingen.
00:05:12: Man entwickelt dabei dann einen sogenannten Tunnelblick, wodurch entlastende Hinweise weniger Beachtung finden.
00:05:18: also das bedeutet man hat halt tatsächlich schon seine klar vorgefertigte Meinung und ermittelt in diese Richtung.
00:05:25: Und obwohl Gerichte nach klaren rechtsstaatlichen Regeln Beweiserhebung und Kontrollen arbeiten bleibt jedes Urteil eine Entscheidung über ein vergangenes Geschehen, das sich nie vollständig beobachten ließ.
00:05:40: Ich denke gerade diese Grenze macht verständlich warum Justizürtömer trotz eines sorgfältigen Verfahrens nicht völlig ausgeschlossen werden
00:05:48: können.".
00:05:50: So der Grundgedanke ist dann tatsächlich.
00:05:52: ja auch also justizürthümer sind so ja tatsächlich so alt wie die Rechtsprechung selbst.
00:05:59: Dort arbeiten Menschen und Menschen können sich bekanntlicherweise immer mal wieder irgendeinem, das passiert einfach.
00:06:05: Sie entstehen selten durch eine böse Absicht sondern meist durch eine Verkettung mehrer Fehler.
00:06:12: Und da muss man natürlich auch dazu sagen dass jeder Verfahrens Schritt von den Ermittlungen bis zum Urteil kann unbeabsichtlich zu Fehlentscheidungen beitragen.
00:06:22: Das Problem ist natürlich auch die menschliche Wahrnehmung tatsächlich in so den Prozessen.
00:06:28: Also Erinnerungen verändern sich mit der Zeit, man bemerkt das glaube ich bei sich selber.
00:06:33: immer wenn eine Ein Geschehen gerade frisch passiert ist, erinnert man sich am nächsten Tag wahrscheinlich super guter dran.
00:06:42: Eine Woche später sieht das dann schon anders aus.
00:06:44: aber wie sieht es dann ich sag mal ein Jahr zwei drei Jahre später aus?
00:06:48: Das verblasst und ja verändert sich einfach.
00:06:51: Ich glaube dass kann man ganz gut bei sich selber beobachten Und tatsächlich ist das in Gerichtsverfahren ähnlich und das ist natürlich schon Ja, eine Problematik einfach.
00:07:00: Und natürlich kommt auch dazu dass man sich mit anderen Menschen unterhält und die Gespräche beeinflussen einfach.
00:07:07: auch tatsächliche Zeugen oder Medienberichte können die Erinnerungen beeinflussen.
00:07:13: Stress oder Angst während einer Tat verschlechtern auch häufig die Wahrnehmung und Menschen können von ihrer Erinnerung überzeugt sein und sich trotzdem üben, das ist so das Problem.
00:07:24: Also wenn man ganz fest davon überzeugt ist dass irgendetwas genau so passiert ist und dann unterhältst du dich gerade zu einer Familie passiert ist er öfter, dann unterhältest du dich mit deinen Freunden was auch immer und dann nein das war doch ganz anders!
00:07:37: Genau das man selbst hat es anders wahrgenommen und das ist natürlich das nächste Problem in so ner Zeugenaussage.
00:07:45: Ein weiteres Problem ist natürlich auch, dass nicht jedes Geständnis tatsächlich wahr sein muss und es bedeutet auch nicht automatisch Schuld.
00:07:54: Also gerade falsche Geständnisse entstehen beispielsweise durch lange Vernehmungsdruck oder psychische Belastungen Angst Wunsch eine belastende Situation zu beenden oder aber das die Befragung so gestief ist.
00:08:08: Gerade in internationalen Justizfällen zeigt sich doch, dass später durch DNA-Beweise zahlreiche falsche Geständnisse tatsächlich widerlegt worden sind.
00:08:18: Was auch ganz klassisch eine Rolle spielt ist tatsächlich das nennt sich Bestätigungsfehler und zwar bedeutet es, dass Menschen unbewusst nach Informationen suchen die ihre erste Vermutung bestätigen.
00:08:34: widersprechende Hinweise erhalten dann oft weniger Aufmerksamkeit, weil man möchte dass etwas genauso ist wie die erste Annahme.
00:08:44: und hat sich dann einer Ermittlungsrichtung erst mal etabliert wird diese häufig immer weiter verfolgt.
00:08:49: Also man kommt dann zum nächsten Problem das man tatsächlich einen Tunnelblick entwickelt So und Ermittlungen konzentrieren sich dann zunehmend wirklich auf einen Verdächtigen.
00:08:59: Und man verliert wirklich den Weitblick, vielleicht könnte es auch jemand anders gewesen sein?
00:09:05: Das macht das Ganze sehr problematisch.
00:09:07: Alternative Täter oder andere Erklärungen geraten aus dem Blick.
00:09:12: Dieser Effekt ist international gut dokumentiert und gilt als eine der häufigsten Ursachen von Fehlurteilen – also tatsächlich gar nicht so selten!
00:09:21: Dann kommen wir zu einem weiteren Punkt und zwar die Grenzen der Sachverständigen.
00:09:26: Es ist tatsächlich so, Gutachten beruhen immer auf dem jeweiligen Stand der Wissenschaft.
00:09:31: So in die Wissenschaft entwickelt sich nur ständig weiter – das kann in einer Beweiskette oder einer Beweisführung natürlich auch problematisch werden.
00:09:40: Methoden, die früher als Zuverlässigkeiten wären dann später teilweise verworfen.
00:09:45: Als Beispiele denken wir jetzt einfach nur mal an die Blutgruppenanalyse.
00:09:49: Das hat sich alles weiterentwickelt, Haarvergleich ohne DNA mit DNA jetzt bis Spurenanalyso, Handschriftenvergreich.
00:09:57: also es gibt da so viele Möglichkeiten wo die Wissenschaft einfach aktuell viel viel weiter ist und wer weiß wo die wissenschaft in zwanzig jahren steht?
00:10:07: Also von daher das immer Bewegung drin Und viele dieser Methoden werden dann heute deutlich kritischer bewertet als noch vor Jahrzehnten.
00:10:15: Und natürlich werden Indizien auch unterschiedlich bewerted, das darf man nicht vergessen!
00:10:22: Das nächste Problem was wir haben ist Zeitdruck und strukturelle Grenzen.
00:10:26: Das bedeutet dass Ermittlungsbehörden oft unter erheblichen Druck arbeiten müssen oder schwere Verbrechenderzeugungen sowieso öffentliche Erwartung also man will den Täter schnell finden Und manchmal bedeutet nicht schnell, dass man zum richtigen Ergebnis kommt weil man halt tatsächlich unter Druck steht.
00:10:44: Beweise gehen dabei auch manchmal verloren.
00:10:47: das ist auch eine ganz große Problematik in der Sache.
00:10:52: Zeugen sterben oder erinnern sich schlechter und nicht jeder Tatort lässt sich vollständig rekonstruieren.
00:10:58: also wenn man es tatsächlich mal betrachtet sieht man ja wie viele Punkte dazu gehören um ein Prozess zu führen einer Beweiskette zu bilden usw.
00:11:08: wo tatsächlich halt Fehler passieren können.
00:11:11: Und da muss man tatsächlich sagen, wenn Gerichte also mit unvorständigen Informationen arbeiten müssen stellt sich eine weitere Frage Wie entscheidet ein Gericht eigentlich?
00:11:21: Wenn es keinen eindeutigen Beweis gibt?
00:11:23: und genau hier kommen sogenannte Indizienprozesse zum Spiel.
00:11:27: Und dann können wir tatsächlich den Bogen zurückspannen, zufolge Zehen Vera Brüner wo man tatsächlich einen kompletten Indizientprozess hatte und deshalb macht es das Thema ja auch erschreckend aber auch irgendwo total spannend.
00:11:43: Also gerade bei reinen Indizienprozessen hat man keinen unmittelbaren Tatnachweis.
00:11:49: Das macht die ganze Sache natürlich schwieriger, es existieren beispielsweise keine glaubwürdigen Geständnisse, keine Augenzeugen der Tat oder auch ja keine Videoaufnahmen.
00:12:00: Stattdessen stützt sich das Gericht auf reine Indizin also mittelbare Beweise aus denen auf den Tatergang geschlossen wird Und das macht es halt wirklich schwierig und muss dann umso genauer gearbeitet werden.
00:12:17: So, dann kommt man zu der Frage was sind denn Indizien eigentlich?
00:12:20: Also ein Deed beweist die Tat nicht unmittelbar sondern weißt nur darauf hin zum Beispiel den Arschspuren am Tatort Fingerabdrücke Handy oder Standortdaten Blutspuren Kauf von Tatwerkzeugen Ungewöhnliches Verhalten nach der Tat Widersprüchliche Aussagen Motiv oder aber auch ein fehlendes Alibi.
00:12:43: Keines dieser Indizien beweist für sich alleine die Täterschaft, erst ihre Gesamtheit kann ein belastbares Bild ergeben.
00:12:51: also Indizientkette und das wiederum bedeutet mehrere voneinander unabhängige Indizieren sollen sich gegenseitig stützen.
00:13:00: Also wie schon vorhin gesagt einen allein reicht nicht aus Und das Ziel ist hier eine geschlossene Beweis Lage bei der vernünftige Zweifel ausgeschlossen sind und fehlt ein wichtiges Glied oder passt irgendeinen Dienst nicht insgesamt, kann die Überzeugung des Gerichtes erschüttert werden.
00:13:18: In Deutschland gilt dann auch der Grundsatz der freienrichterlichen Beweiswürdigung.
00:13:24: da gibt es einen extra Paragrafen dafür.
00:13:26: Also das Gewicht entscheidet dann nicht nach einer festen Punktliste oder einem mathematischen Schema.
00:13:32: Richter müssen alle Beweise in ihrer Gesamtheit würdigen, dass ist ganz wichtig, dass man das vielleicht weiß und dabei müssen sie ihre Schlussfolgerung nachvollziehbar auch begründen können.
00:13:43: also man kann es jetzt nicht einfach so nach gut dünken sondern es muss halt wirklich gut nachvollziebar sein.
00:13:49: Das Urteil muss erkennen lassen warum belastende und entlassende Umstände unterschiedlich bewertet wurden Und dann kommt man natürlich dazu, warum Indizimprozesse eigentlich so besonders anspruchsvoll sind und man da wirklich diese geschlossene Kette braucht.
00:14:06: Also es gibt ja nicht den einen entscheidenden Beweis.
00:14:09: Jedes einzelne Indiz kann auch eine andere Erklärung haben – und die Herausforderung besteht halt darin Zufälle von tatsächlichem Zusammenhängen zu unterscheiden!
00:14:20: Und je komplexer der Fall, desto größer ist die Bedeutung einer sorgfältigen Gesamtwürdigung Und desto schwieriger ist es natürlich, das auch gut nachvollziehen zu können.
00:14:29: So typische Fehlerquellen sind halt tatsächlich die Überwertung einzelner Indizien, Rückschaufehler.
00:14:36: Das bedeutet kennt man das spätere Ergebnis erscheinen früherer Ereignisse oft eindeutiger als sie tatsächlich waren.
00:14:44: Bestätigungsfehler wie wir schon gehört haben oder aber ein Kettenfehler insgesamt.
00:14:50: Das wiederum bedeutet, dass ein zentrales Indiz falsch oder fehlerhaft interpretiert kann die gesamte Schlussfolgerung in Zwangengeraden.
00:14:59: D.h.,
00:15:00: die Kette ist nicht mehr schlussig!
00:15:02: Aber man muss tatsächlich auch dazu sagen, dass viele bekannte Kriminalfälle auf reinen Indizien beruhen.
00:15:09: und gerade in solchen Verfahren wird häufig darüber gestritten oder die Indizieren tatsächlich eine geschlossene Kette bildeten oder ob alternative Erklärungen bestehen.
00:15:21: Das hat man ganz klar halt auch in dem Fall von Vera gesehen, deshalb stehen in die zehn Urteile oft auch Jahre oder Jahrzehnte später erneut im Mittelpunkt öffentlicher Debatten insbesondere dann wenn es neue Beweise oder wissenschaftliche Erkenntnisse hinzukommen.
00:15:38: Als nächsten Punkt hätte ich dann noch tatsächlich den Einfluss der Medien, das kann man auch ganz gut an dem Fall Vera Brüne sehen oder sehr eindrucksvoll sehen.
00:15:48: Gerade in Strafverfahren wird also berichtet halt jeder darüber, jeder Journalist, jeder Reporter im Internet, in Zeitungen, im Fernsehen... Also man kann es dann gerade bei großen und spannenden Fällen bekommt die Öffentlichkeit relativ viel von mit und das Problem dabei ist natürlich, dass sich da auch so eine Meinung bildet.
00:16:08: Ob sie dann der Wahrheit entspricht oder nicht?
00:16:12: Ist immer dahingestellt.
00:16:12: Das beeinflusst aber natürlich auch also Medien prägen tatsächlich maßgeblich wie ein Fall wahrgenommen wird.
00:16:19: Dass wiederum bedeutet es natürlich zwischen der juristischen Wahrheitsfindung und der öffentlichen Meinung nicht unbedingt eine Übereinstimmung stattfinden muss.
00:16:29: Medien schaffen öffentliche Aufmerksamkeit aber auch fehlen negative Sachen mit sich.
00:16:35: Das muss man natürlich dann aussagen, also besonders schwere und ungewöhnliche Straftaten stoßen sowieso auf großes Interesse und daher hat man eine große Berichterstattung und die Berichterstattung beginnt häufig bereits mit den ersten Ermittlungen und zu diesen Zeitpunkten sind viele Fragen noch völlig unklar.
00:16:55: Dennoch entstehen früh die ersten Bilder davon wer Täter oder Weropfer sein könnte.
00:17:03: Und dann sind wir natürlich bei der Gefahr der Vorverurteilung.
00:17:07: Beschuldigte werden in der Öffentlichkeit dann teilweise schon vor einem Urteil als schuldig angesehen, Schlagzeilen und zugespitzte Darstellungen können diesen Eindruck auf jeden Fall verstärken.
00:17:18: Und dann ja klar gilt die Unschuldsvermutung rechtlich bis zur rechtskräftigen Verurteilungen.
00:17:24: aber an der öffentlichen Wahrnehmung tritt sie dann jedoch häufig in den Hintergrund.
00:17:29: Und da muss man natürlich auch sagen, dass die Zeit sich halt einfach verändert hat.
00:17:33: Also früher prägten vor allem Zeitungen und der Rundfunk die öffentliche Meinung.
00:17:38: aber das menschliche Gedächtnis funktioniert nicht wie eine Kamera.
00:17:43: also Erinnerung werden bei jedem Artbruch teilweise neu rekonstruiert.
00:17:47: mit derzeit können sich dann die Details verändern oder verloren gehen und gerade durch Medien, also egal wovon wir da reden ob das jetzt nur in Fernsehenzeitung Internet oder wie auch immer ist werden natürlich die eigenen ich sag mal Bilder im Kopf beeinflusst.
00:18:04: Die eigene Erinnerung verändert sich dadurch weil es beeinflußt halt den Menschen.
00:18:09: dann kommt hinzu dass besonders schwierig die Wiedererkennung unbekannter Personen ist.
00:18:13: Also gerade wenn ich an die Fahndungsbilder denke die man des öfteren irgendwo sieht Ich persönlich würde jetzt mal denken Niemanden wirklich ganz klar identifizieren können.
00:18:25: Dann kommt es natürlich dann aber auch zu falsch Identifizierung Und die gehören wiederum international zu den häufigsten Ursachen für später aufgehobene Fehlurteile.
00:18:36: Aus diesem Grund gelten natürlich heute strengere Regeln für Wahlbildlichtvorlagen und die Gegenüberstellung.
00:18:43: Da bin ich tatsächlich auf noch einen ganz wichtigen Punkt in meiner Recherche gestoßen, dann hätte ich so gar nicht wirklich darauf gekommen.
00:18:50: Und zwar der Einfluss auf das Gericht... Darüber denkt man ja tatsächlich nie nach.
00:18:56: Und es ist so dass Richter zwar Ausschließlich an Recht und Gesetz gebunden sind, Entscheidungen dürfen nicht von öffentlicher Stimmung abhängig sein.
00:19:06: Aber Richter sind ebenfalls ein Teil der Gesellschaft!
00:19:10: Und besonders aufregende Verfahren finden unter großer medialer Beobachtungsstand – und Richters sind halt einfach auch nur Menschen.
00:19:18: Natürlich versucht die Justiz deshalb bewusst ihre Unabhängigkeit zu warnen und Entscheidungen ausschließlich auf der Grundlage der Beweise zu treffen.
00:19:27: Aber auch wenn das jetzt viele Punkte waren, die tatsächlich einen zum Nachdenken wahrscheinlich bringen inwieweit ein Urteil gerade wenn es rein auf Indizien beruhte halt auch wirklich gerecht ist gibt es natürlich auch Sachen die sich im Wesentlichen verändert haben.
00:19:44: Also nicht nur die Wissenschaft hat sich verändert aber auch die gesellschaftliche Vorstellungen entwickeln sich weiter Und man hat einfach eine höhere Sensibilität für Fehlurteile.
00:19:55: Man schaut da einfach genauer hin, das macht schon vieles aus.
00:19:58: stärkere Bedeutung der Unschuldvermutung in öffentlichen Diskussionen also man verurteilt vielleicht nicht so leichtfertigt Menschen.
00:20:05: Geständnisse werden natürlich auch einfach kritischer betrachtet.
00:20:09: Man hat einfach ein größeres Bewusstsein für Fehlerquellen bei Zeugenaussagen und höhere Anforderungen an die Qualität forensischer Gutachten.
00:20:19: Auch das macht uns das tatsächlich ein bisschen einfacher aktuell.
00:20:24: Wichtig ist dabei, dass die zugrunde liegenden Straftatbestände sich dadurch nicht ändern.
00:20:29: Wohl aber der Blick darauf wie Beweise bewertet werden sollten!
00:20:34: So, dann kommt man natürlich auch wieder zu den Medien.
00:20:37: Es gibt neue Formate also Dokumentationen die einfach Fälle viel mehr genauer betrachten Auch Podcastgörner zu investigative Recherchen Archivöffnungen führen regelmäßig dazu dass alte Fälle erneut öffentlich diskutiert werden und das ist auch gut so.
00:20:57: Dabei entstehen häufig dann neue Fragen.
00:20:59: wurde damals richtig ermittelt, wurden Beweise übersehen?
00:21:03: würde ein Gericht heute genauso entscheiden.
00:21:06: Aber man muss auch ganz klar sagen nicht jedes umstritten Urteil ist auch ein Fehlurteil.
00:21:11: Dass sein Urteil kontrovers diskutiert wird bedeutet nicht automatisch dass es falsch war.
00:21:17: Umgekehrt zeigt die Geschichte das einige rechtskräftige Urteile später tatsächlich aufgehoben werden mussten.
00:21:24: Gerade deshalb sind rechtsriftige Möglichkeiten zur Überprüfung so bedeutsam geworden.
00:21:30: Bei der Überlegung muss man natürlich auch das Thema Wiederaufnahmeverfahren sich einmal ansehen und zwar der Rechtsstaat braucht Rechtssicherheit und Verfahren können nicht beliebig oft neu geführt werden.
00:21:44: Gerade deshalb gelten hohe gesetzliche Hürden für eine Wiederaufnahme, was es aber auch manchmal sehr schwierig macht.
00:21:50: Nur wenn neue erhebliche Tatsachen oder Beweismittel vorliegen oder besondere gesetzlichen Voraussetzungen erfüllt sind kann ein abgeschlossenes Verfahren erneut aufgerollt werden.
00:22:02: Justiz lebt nun mal von Vertrauen.
00:22:04: Dieses Vertrauen entsteht nicht dadurch, dass Gerichte unfehlbar werden.
00:22:09: Es entsteht dadurch, das Fehler erkannt werden und so wie rechtlich möglich korrigiert werden können.
00:22:15: Die Möglichkeit alte Urteile kritisch zu überprüfen ist daher kein Zeichen von Schwäche sondern Ausdruck eines funktionierendes Rechtsstaates.
00:22:24: Und dann komme ich nochmal zum Fall Vera Brune zurück.
00:22:27: Warum fasst der Fall so gut?
00:22:29: Der Prozess gegen Vera Brüne zählt bis heute zu den bekanntesten und umstrittensten Strafverfahren der deutschen Nachkriegsgeschichte.
00:22:37: Bis heute wird diskutiert, ob das Urteil auf einer ausreichenden sicheren Beweislage beruhte.
00:22:43: Der Fall zeigt exemplarisch wie schwierig Wahrheitsfindung vor Gericht sein kann.
00:22:49: Bei dem Prozess um einen ganz klassischen Indizienprozess, es gab also keine unmittelbaren Tatzeugen.
00:22:55: Die Verurteilung beruhte überwiegend auf einer Vielzahl von Indizieren und das Gericht musste aus einzelnen Beweisen ein Gesamtbild entwickeln.
00:23:04: Und genau dadurch wurde der Prozess später immer wieder Gegenstand juristischer und historischer Diskussion.
00:23:11: Des Weiteren haben wir dann die Beweislage – die Beweiskette wurde bereits während des Prozesses unterschiedlich bewertet Kritiker seien einzelnen Indizien als nicht ausreichend belastbar an.
00:23:23: Befürworter des Urteils argumentierten, dass erst die Gesamtheit der Indizin die Überzeugung das Gerichts begründete.
00:23:31: Der Fall verdeutlicht damit die Schwierigkeiten eines
00:23:34: Indizimprozesses.".
00:23:35: Auch im Fall wäre Brüne – haben wir natürlich Zeugen-Aussagen, die hier eine wichtige Rolle gespielt haben und gleichzeitig wurden Glaubwürdigkeit und Zuverlässigkeit einzelne Aussagen später immer wieder hinterfragt!
00:23:48: Der Fall zeigt, wie entscheidend die richterliche Bewertung von Zeugenaussagen sein kann.
00:23:53: Also das ist wirklich ein super Beispiel für das Ganze!
00:23:57: Dann haben wir natürlich Sachverständige und kriminaltechnische Möglichkeiten damals, die wie folgt ausseilen also Anfang der neunzehntes sechstiger Jahre war deutlich begrenzter als das heute der Fall ist.
00:24:08: Und viele moderne forensische Methoden insbesondere DNA-Analysen standen damals noch nicht zur Verfügung.
00:24:15: Der Fall wird deshalb häufig unter der Frage diskutiert welche zusätzlichen Erkenntnisse heutiger Technik möglicherweise hätte liefern können.
00:24:26: So und die entscheidende Rolle der Medien.
00:24:30: Das ist in dem Fall auch eine ganz große Geschichte gewesen, der Prozess fand unter enormer öffentliche Aufmerksamkeitsstadt also Vera Brüne wurde zu einer der bekanntesten Angeklagten der Bundesrepublik.
00:24:43: Die Berichterstattung konzentrierte sich nicht nur auf den Tatvorwurf sondern stark auf ihre Person und ihr Privatleben.
00:24:50: gerade ihr Lebensstil und ihr öffentliches Bild spielten in der Berichtestattung einen große Rolle, ein Aspekt der aus heutiger Sicht vielfach kritisch betrachtet wird.
00:25:00: Und dieser Fall zeigt dann eindrucksvoll wie Medien die Wahrnehmung eines Strafverfahrens mitprägen können!
00:25:07: Darüber hinaus gab es natürlich jahrzehntelange Diskussionen, auch nach Rechtskraft des Urteils riss die öffentliche Debatte nie vollständig ab.
00:25:16: Journalisten, Juristen und Historiker bewerten den Prozess immer wieder neu.
00:25:21: Bücher und Dokumentationen sorgten dafür dass der Fall über Jahrzehnte präsent blieb.
00:25:26: Dabei ging es weniger darum um dem Prozess neu zu führen sondern um die Frage ob das damalige Urteil unter der damaligen Bedingung überzeugend begründet war.
00:25:36: Und genau deshalb ist der Fallwerer Brüne weit mehr als ein historischer Kriminalfall.
00:25:42: Er zeigt beispielhaft, wie komplex die Wahrheitsfindung vor Gericht sein kann und warum manche Urteile auch Jahrzehnte später noch Anlass zur Diskussion geben.
00:25:51: Gerade darin liegt seine bleibende historische Bedeutung.
00:25:55: Ich denke Geschichte besteht oft mehr als nur aus Ereignissen über die wir sprechen.
00:26:01: Manchmal sind es gerade die Hintergründe, die vieles erst verständlich machen.
00:26:05: Und aus diesem Grund war es mir tatsächlich wichtig diese Folge heute darüber zu machen und nochmal einiges aufzuklären und vielleicht auch mal zum Nachdenken noch anzuregen.
00:26:18: Wie immer findet ihr natürlich einiges an Informationen, Zeitungsartikel oder aber auch Bilder zu dem Hauptfall als auch zu dieser Folge unter was bleibt Unterstrich Podcast auf Instagram und ansonsten würde ich sagen danke dass ihr dabei wart.
00:26:37: Und vielleicht hören wir uns der nächsten Sonntag schon wieder bei.
00:26:40: Was Bleibt!
00:26:41: Macht's gut und Tschüss.
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